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Warum du nicht per Anhalter fahren solltest

Per Anhalter fahren ist gefährlich. Besonders als Frau ist erhöhte Vorsicht geboten, immerhin steigst du einfach zu einer wildfremden Person ins Auto. Dort kann wer weiß was passieren. Du springst dem Löwen praktisch geradezu ins Maul. Drum rat‘ ich dir, lass es lieber bleiben.

Noch nicht überzeugt?
Du suchst noch immer das Abenteuer und den Nervenkitzel?
Dann lass es mich so ausdrücken:

 

Warum du nicht per Anhalter fahren solltest:

 

1. Du steigst zu einem völlig unbekannten Menschen ins Auto

Der wohl prägnanteste Punkt, warum du nicht per Anhalter fahren solltest, ist, dass du von einer wildfremden Person mitgenommen wirst. Diese Person hat sich aus unergründlichen Gründen dazu Bereit erklärt, dir bei deinem Abenteuer unter die Arme zu greifen und dich ein Stückchen näher an dein Ziel zu bringen. Die Gegenleistung? Das sind deine Geschichten, dein offenes Ohr, deine Freude.

Du wirst den unterschiedlichsten Menschen begegnen: Schüchternen, Ängstlichen, Extrovertierten, Abenteuerlustigen; dem Familienvater mit seinen beiden Kindern; der jungen Frau, die gar nicht so recht weiß, warum sie eigentlich angehalten hat; dem Reisenden, der in seiner Jugend auch stets per Anhalter fuhr; dem Pärchen, das dir vom nahstehenden Weltuntergang berichtet; Sabine, die gerade von ihrem Mann verlassenen wurde; Markus, der dich zutiefst bewundert und auch endlich mal wieder was erleben möchte; Tine, die erst seit kurzem ihren Führerschein besitzt.

Sie könnten unterschiedlicher nicht sein, aber eines haben sie alle gemeinsam. Für sie alle bist du fremd. Der interessante, aber auch ein wenig furchteinflösende Unbekannte. Du bist Inspiration. Du bist Abenteuer. Du bist Motivation.

Die Entscheidung dich mitzunehmen, wurde innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde getroffen. Der Bauch sagte ja, noch bevor die Angst überhaupt einsetzen konnte. Nenn es Zufall, Schicksal oder Glück, aber ihr wärt euch niemals begegnet, wenn du nicht per Anhalter unterwegs gewesen wärest. Du weißt nie, wer der Nächste sein wird und welche Menschen und Geschichten dich im nächsten Auto erwarten werden.

Es ist eigentlich wie im wahren Leben, nur eben viel schneller, intensiver und vor allem aufregender.

 

2. Du weißt nie, wo du enden wirst

Dein Ziel war es noch heute die Landesgrenze zu erreichen, aber irgendwie lief es nicht so richtig und nun stehst du in diesem verlassenen Dorf, von dessen Existenz du bis vor wenigen Minuten noch nichts ahntest? Hätte dich die Frau vorhin nicht an der Raststätte rausgelassen und wärst du nicht zu der Familie ins Wohnmobil gestiegen, dann wärst du nicht von Pete mitgenommen worden und wärst nun schließlich nicht in diesem Dorf gelandet.

Gleichzeitig hättest du all diese Menschen nicht getroffen, die Bäckerin hätte dir nicht ein paar Brötchen und einen Kaffee rausgebracht, du hättest die wunderschön strahlende Blumenwiese nicht entdeckt und wärst letztendlich nicht von dem netten Paar nach Hause eingeladen worden, mit dem du nun am Esstisch sitzt und das köstliche Essen genießen darfst.

Natürlich hättest du dich auch einfach bequem in einen Bus setzen können, ein par Euro investiert und wärst dafür bereits in ein paar Stunden an der Grenze gewesen. So kommen wir auch gleich zum nächsten Punkt.

 

3. Jeder Weg dauert mindestens doppelt so lang

Das Leben ist einfach. Wollen wir in die nächste Stadt, so setzen wir uns ganz einfach in unser Auto, haben wir keines so nehmen wir die Bahn, den Bus oder zur Not auch mal das Fahrrad. Wollen wir in den Urlaub, so bepacken wir das Auto, fahren mit dem Zug, oder am wahrscheinlichsten, setzen wir uns ganz einfach und bequem ins Flugzeug. Nach wenigen Stunden sind wir bereits in fremden Ländern, zwei oder drei Filme später sogar am anderen Ende der Welt. Es ist eine Selbstverständlichkeit für uns, die Urlaubstage sind begrenzt und wir haben einfach keine Zeit.

Je nach Situation, dauert dein Weg per Anhalter im Vergleich zum Zug fahren oder der Reise mit dem eigenem Auto sehr wahrscheinlich mindestens doppelt so lang, vom Fliegen gar nicht erst zu sprechen. Du wirst Zeit einplanen müssen. Der Kulturschock beim Austreten aus dem Flugzeug ist nicht mehr gegeben, die Grenzen verschwimmen. Die Landschaft, die Kultur, die Menschen, es scheint als würden sie von Stadt zu Stadt ein wenig anders werden, bis dir bewusst wird, dass du es wieder in das nächste Land geschafft hast. Du siehst Dinge, du verstehst Lebensweisen, die dir alle verborgen geblieben wären, wenn du dich in den Zug oder das Flugzeug gesetzt hättest. Vor allem aber entwickelst du ein Bewusstsein für die Erde, aus einzelnen Puzzleteilen entwickelt sich allmählich ein großes Ganzes.

Langsamkeit ist in unserer Gesellschaft immer gleich negativ behaftet, aber die Langsamkeit ermöglicht es uns überhaupt erst die Augen zu öffnen und die Welt wahrzunehmen. Städte und Länder abhaken ist eine Sache, sie wirklich zu erfahren eine andere. (In diesem Zusammenhang muss ich auch gleich die liebe Jessie von Bunterwegs erwähnen, die sich gerade nach Winterpause wieder zu Fuß auf den Weg nach Nepal macht. Hier geht es zu ihrem Blog.)

 

Warum wir dennoch per Anhalter fahren sollten

Ironie beiseite, per Anhalter fahren ist definitiv eine vollkommen andere Form des Reisens. Es ist unglaublich aufregend und natürlich auch ein wenig furchteinflösend, insbesondere als Frau. Verhaltenstipps für Frauen, die alleine per Anhalter fahren, habe ich hier: http://mira-mireau.com/2015/03/11/als-frau-alleine-trampen-tipps-fuer-frauen/ zusammen getragen. Auf die immer wieder aufkommende Frage nach der Sicherheit, gibt es meiner Meinung nach keine Antwort. Ist es gefährlicher als die dunkle Straße zu dir nach Hause? Ist es gefährlicher als die Mitfahrzentrale? Gefährlicher als der Abend in der Bar? Das Joggen im Park? Das Couchsurfen? Das Alleine reisen?

Natürlich kann etwas passieren, aber kann es das nicht schließlich immer und überall? Die meisten Sexualverbrechen passieren im eigenen Umfeld (77 % sagten in der EU-Umfrage, der Täter sei ihnen bekannt gewesen.) und sowohl darauf als auch auf alle anderen Situationen haben wir meist keinerlei Einfluss.

Die Angst gehört für mich als Frau zum per Anhalter fahren fest dazu. Sie ist mein ständiger Begleiter, der mal mehr und mal weniger präsent ist. Stets unbegründet bisher. Aber wäre sie nicht gewesen, hätte ich mich nicht um so besser, stolzer und selbstbewusster gefühlt, wenn ich es schließlich geschafft habe, einzig durch meinen guten Glauben und die Hilfe von wunderbaren Menschen tatsächlich an mein Ziel zu gelangen.

Lasst uns das Gute in den Menschen sehen, den Nervenkitzel erproben, unbekannte Gegenden entdecken und von Geschichten lernen, die wir sonst verpassen würden. Lasst uns langsam reisen, bei fremden Menschen speisen und im Freien übernachten. Lasst uns das Abenteuer starten. Lasst uns per Anhalter fahren!

 

 

Ein wirklich schönes Buch mit Erfahrungen von nuestra america, die als Paar stets per Anhalter unterwegs sind, gibt es hier: http://nuestra-america.de/buecher/.

Weitere Tipps gibt es bei:

http://rooksack.de/trampen-per-anhalter-fahren-fuer-anfaenger/

https://www.bergzeit.de/magazin/tipps-reisen-per-anhalter-trampen-europa/

http://www.bruderleichtfuss.com/trampen-sicherheit/

http://www.back-packer.org/de/per-anhalter-fahren/

http://www.freileben.net/alles-zum-thema-trampen/ 

 

Bei Fragen oder Zweifeln bin ich für jeglichen Austausch gerne bereit, schreibt mir ganz einfach!

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2 Comments

  • Reply
    Oli
    25. März 2017 at 1:33

    Ich war früher oft als Anhalter unterwegs. Es lief immer alles super, bis auf einmal auf Sabah in Malaysia. Da bin ich bei einem jungen Typen eingestiegen, der mit dem nagelneuen Proton seines Vaters unterwegs war und mir mit etwas nationalistischem Gehabe beweisen wollte, dass malaysische Autos genauso eine gute Strassenhaltung haben wie italienische Sportwagen – auch auf nasser Strasse. Nun ja, zum Glück hatte er mit seiner Behauptung recht. Aber wenn man mit 120 durch irgendwelche Dschungelwege rast, fällt einem plötzlich auf, dass der Tipp, einfach auszusteigen, nicht immer realitisch ist. Heute ists eine Anekdote, aber im Auto hatte ich Angst.

    • Reply
      Jasmin
      26. März 2017 at 19:27

      Oh ja das glaube ich, da haette ich auch den Atem angehalten. Da ich leider selbst schon als Beifahrer in einen schlimmen Unfall mitverwickelt war, ist fuer mich Autofahren, solange ich nicht selbst der Fahrer bin, sowieso so eine Sache, aber das gilt fuer mich allgemein zum Auto fahren und hat nicht vordergruendlich was mit dem per Anhalter fahren zu tun. Ich habe auch Freunde bei denen ich Schweiss gebadet im Auto sitze haha.
      Dennoch der Tipp einfach auszusteigen ist tatsaechlich nicht so einfach umzusetzen, wie er von den Lippen geht.

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