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Was ich durch den Tod meiner Mutter gelernt habe

Die vergangenen Jahre meines Lebens habe ich damit verbracht meine geliebte Mutter in den Tod zu begleiten. Natürlich war das mit Anfang 20 nicht das, was ich mir von meinem Leben vorstellte. Viel mehr hatte ich Lust die Welt weiter zu bereisen und meiner Mutter via Skype davon zu berichten, und auch sie hatte sich ihr Leben ganz gewiss mit Anfang 50 anders vorgestellt. Doch das Leben verläuft nur selten so, wie wir es uns wünschen und somit mussten wir uns notgedrungen dem Schicksal beugen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ich mit meiner Situation bei Weitem kein Einzelfall bin, entweder schare ich komischerweise nur Freunde mit den gleichen Problemen um mich oder die steigende Zahl an Krebserkrankung ist Schuld daran, dass ich und viele andere in meinem Alter bereits ein oder beide Elternteile verloren haben.

Ich habe mich lange gefragt, ob ich darüber schreiben sollte, überlegt ob das nicht zu privat sei und lieber mit mir selbst ausgemacht werden muss. Nach vier Monaten bin ich schließlich zu dem Entschluss gekommen, dass ich nicht länger schweigen werde. Während der letzten Jahre habe ich bei jeglichen Symptomen, bei jeglichen Diagnosen, jeglicher Verzweiflung, Wut oder Trauer, immer wieder im Internet nach Antworten gesucht. Las ich von Gleichgesinnten ging es mir meist erheblich besser, doch seit sie gestorben ist, finde ich keine Beiträge mehr, es scheint als sei das Thema hiermit beendet. Der Tod, so sehr er auch zum Leben dazu gehört, findet in unserer Gesellschaft noch immer keinen Platz. Von der Trauer gar zu schweigen.

Ich empfinde dies als falsch. Der Tod darf keine Tabuisierung mehr durchleben. Auf der einen Seite ist er ständig und überall präsent. In der Zeitung, im Fernsehen, überall wird davon berichtet und doch, gibt es auf der anderen Seite eine riesige Unsicherheit, sowohl im Umgang mit Sterbenden als auch mit Trauernden. Es scheint, als müssten in beiden Fällen sie die Stärke hervorbringen, die unangenehme Stimmung, wenn das Thema mal aufkommt, wieder zu beseitigen. Dies wiederum führt dazu, dass die ganze Sache weiter im Stillen mit sich selbst ausgemacht wird und der Tod weiterhin Tabu bleibt. Warum, wenn er uns doch alle betrifft?

Der Tod meiner Mutter hat mein Leben verändert. Er hat mich schwach, aber auch stark gemacht. Er hat mich vielen Menschen näher gebracht und mir den Wert des Lebens erneut aufgeführt. Eigentlich war ich immer der Ansicht, dass nichts mehr bilden könne als das Reisen, doch nun weiß ich, dass nichts mehr bildet als der Tod. Vielen Aspekten war ich mir zwar schon vorher bewusst, doch oft vergisst man sie dann doch im alltäglichen Leben wieder, nicht aber seit dem Tod meiner Mutter, ein Gedanke an die folgenden Punkte und mein Handeln ändert sich im nu.

 

7 Dinge, die mich der Tod meiner Mutter lehrten

 

1. Das Leben ist kurz, verdammt kurz.

Meine Mutter und ich waren uns seit jeher einig, dass ich grundsätzlich das machen solle, was mich wirklich glücklich macht. In meinem Fall war es das Reisen. Erzählte man mir oftmals, dass meine Naivität, mein ganzes Leben reisen zu können, meinem Alter zu Schulden sei, wurde ich durch den Tod meiner Mutter in meiner Lebensweise bestätigt. Wem nützt es, wenn ich unglücklich im Hamsterrad feststecke und einer Karriere entgegeneifer, die ich entweder nie erreichen werde oder aber beim Erreichen feststelle, dass sie mich auch nicht viel glücklicher macht?

Wie wichtig ist das, was Menschen sagen, die in keiner Verbindung zu deinem Leben stehen?

Zwar ging ich immer davon aus, dass mich das Urteil anderer nicht stört, doch erst nach dem Tod meiner Mutter ist mir bewusst geworden, wie oft ich doch in solch unwichtigen Situationen darüber nachdenke, was irgendjemand von mir denken könnte. Ich will mir nicht ausrechnen, wie viele Jahre ich bereits verschwendet habe, über die Ansichten von anderen Menschen nachzudenken, die am Ende alle so verdammt unwichtig waren.

 

2. Liebe ist am Ende alles, was bleibt.

Ich weiß, der Punkt klingt cheesy, aber er hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht. Eigentlich ging ich davon aus, dass ich am Lebensende auf meine Abenteuer und Erlebnisse zurückblicken werde, die, wie ich dachte, mein Leben ausmachen. Jetzt aber sah ich, dass am Ende nur die Liebe zu deinen Mitmenschen bleibt.

Leider haben so viele Menschen heutzutage Angst ihre Gefühle zuzulassen, sich zu sagen, was sie füreinander empfinden oder haben zu sehr Angst verletzt zu werden. Es gibt keine Zeit für irgendwelche Zurückhaltungen. Beende die oberflächigen Beziehungen und riskier‘ mal was. Sag deinem besten Freund, dass er dir wichtig ist. Danke deinen Eltern und sag ihnen, dass du sie liebst. Sag’s deinem Partner oder deinem Date. Hör auf den kalten, coolen zu spielen, es ist nicht cool, wirklich nicht. 

 

3. Wer mehr gibt, erhält auch mehr.

In den letzten Jahren habe ich von grundauf gegen meine eigenen Bedürfnisse gehandelt. Ich lebte in der Wohnung meiner Mutter anstatt in einer WG oder einem Van. Teilte mir ein Bett mit ihr anstatt ein Dorm mit Fremden. Ich verbrachte meine Zeit in Frankfurt anstatt in der weiten Welt. Mehr Zeit im Krankenhaus als bei Freunden. Dennoch war es die schönste Zeit meines Lebens. Keinen Tag, keine Sekunde möchte ich missen. Ihr Weinen, ihre Wut, ihr Lachen, bis zur letzten Sekunde für sie da zu sein, gab mir weit mehr als ich mir je hätte vorstellen können. Die Situation war scheiße, mehr als scheiße, und das darf auch ruhig so genannt werden, aber ich war wirklich glücklich an ihrer Seite zu sein. Ging es ihr gut, so ging es mir gut und dafür tat ich alles mir mögliche.

Wie berechtigt war nochmal deine schlechte Laune, wenn du siehst, wie deine Mutter um ihr Leben kämpft?

Mir ist aufgefallen, dass ich weit glücklicher werde, wenn ich mich um das Glück anderer Menschen sorge, als um das meine. Wenn ich mich einfach mal weniger wichtig nehme und mir nicht ständig Gedanken darüber mache, wie ich zu mehr Zurfriedenheit gelange, sondern mein Augenmerk darauf richte, wie es anderen geht. Mein Glückskeks zum neuen Jahr sagte ziemlich treffend: „Dass andere Leute kein Glück haben, finden wir sehr leicht natürlich, dass wir selbst keines haben, immer unfassbar.“

 

4. Umgib dich ausschließlich mit Menschen, die dir gut tun.

Glücklicherweise habe ich das bereits seit einiger Zeit getan und konnte somit auf die Unterstützung der gutmütigsten und selbstlosesten Menschen der Welt zählen. Es ist keine Zeit vorhanden sich mit negativen Dingen zu beschäftigen. Jeder, der mir nicht gut tut, wird konstant vermieden und jeder, der mir gut tut, mit offenen Armen empfangen. Ich bin unendlich dankbar so viele wunderbare Menschen an meiner Seite zu wissen und kann es jedem nur empfehlen.

Wer dich nicht gut behandelt, dir den letzten Nerv raubt, und sei es die eigene Familie, der hat in deinem Leben nichts verloren. Vor allem in Momenten, in denen dein Leben von negativen Ereignissen bestimmt ist, solltest du dich ausschließlich mit positiven, dir wohltuenden Menschen umgeben, um eine Balance herzustellen.

 

5. Unser Körper sorgt dafür, dass die Trauer ertragbar wird.

Als ich vor Jahren von der Diagnose hörte, wusste ich mit dem Tod meiner Mutter würde auch mein Leben zu Ende gehen. Das war für mich ein unbestreitbarer Fakt, denn sie war meine beste Freundin, der mir wichtigste Mensch, mein Leben. Unzählige Male habe ich mir versucht vorzustellen, was ich nach ihrem Tod mache, wie ich reagiere, habe mir die schlimmsten Szenarien ausgemalt, doch am Ende war dann doch alles ganz anders.

Gegen meines eigenen Erwartens, kam ich, wie auch während ihrer gesamten Krankheit über, „sehr gut“ klar. Denn auch nach dem Tod musste ich weiterhin funktionieren. Erstmal gab es keine Zeit für Trauer. Und dann, als es sie gab, versuchte ich Monate lang krampfhaft zu weinen, sei es an der Beerdigung, an meinem Geburtstag, an Weihnachten, oder einsamen Sonntagen, aber so wirklich verstanden hat es mein Gehirn bis heute nicht. Unser Körper ist super. Er schützt uns in so vielen Lebenslagen. Auch in der, in der wir die Trauer nicht ertragen würden. Natürlich gibt es Tage, an denen nichts mehr funktioniert, aber von irgendwo kommt dann doch immer wieder die Kraft her weiterzumachen. Auch wenn wir es vorher nicht für möglich halten, wir kommen da durch und wenn wir das überstehen, dann können wir alles überstehen.

 

6. Gesundheit sollte wertgeschätzt werden und zwar in all unserem Handeln

All diese Ratschläge klingen so banal und doch schenkt ihnen kaum einer Bedeutung. Wie oft mache ich mir Gedanken über mein Aussehen, vergleiche mich mit anderen, ärgere mich wenn die Waage in meinen Augen zu viel anzeigt. Definitiv zu oft. Seit dem Tod meiner Mutter hat sich das allerdings geändert. Ich stehe zu meinem Körper, zu meinen Makeln und bin dankbar, dass ich einen gesunden Körper habe.

Einfach fällt mir das nicht. Immer wieder erwische ich mich in unzufriedenen Momenten, ist ja auch nicht all zu schwer bei der Anzahl an makellosen Menschen, die man täglich bei Instagram & Co. bewundern kann. Wer da nicht auch kurzzeitig unzufrieden wird, Chapeau. Dennoch fällt es mir heute einfacher dankbar zu sein, anstatt meinen Fokus auf das zu richten, was ich nicht habe. Wie sinnlos ist es sich über 3 Kilo mehr oder weniger Gedanken zu machen, während manch anderer wegen Chemotherapie zum Skelett abmagert? Von unzähligen hungernden Menschen gar zu schweigen.

Das gleiche Prinzip gilt auch für den Rest des Lebens, das anscheinend bei den anderen immer viel besser ist. Die selektive Darstellung unseres Lebens auf Social Media führt leider zu einem extrem unrealistischen Bild und dementsprechend zu enormer Unzufriedenheit, die eigentlich gar nicht berechtigt ist. Dies ist ein weiterer Grund, weshalb ich über den Tod meiner Mutter schreibe und es nicht verschweige, nur weil es nicht in den Bereich der positiven Darstellung passt.

Immer und immer wieder verfalle ich in das Hamsterrad mich über Dinge zu ereifern, die so vollkommen unbedeutend sind, und muss mich andauernd daran erinnern, mit welchen Problemen so viele Menschen in diesem Moment zu kämpfen haben..Krieg, Verfolgung, Krankheit, sexueller Missbrauch, Rassismus, Homophobie..die Liste ist unendlich lang. Ich denke ein bewusstes Einsetzen für Menschen in Not könnte unser Augenmerk endlich auf das Wesentliche richten.

 

7. Der Tod ist nicht zu fürchten

Das Beste, was ich allerdings von dem Tod meiner Mutter gelernt habe, ist, dass ich den Tod nicht zu fürchten brauche. Ihr Tod war das Beeindruckendste und zugleich Schönste, was ich je erlebt habe. Unser Leben wird so klein und unbedeutsam, wenn wir die Größe des Todes erfahren dürfen.

Dass wir Teil eines großen Ganzen sind, dessen bin ich mir nun vollends gewiss und das ist das Schönste, was ich von diesem traurigen Schicksal für mein Leben mitnehmen konnte.

 

 

Viel Kraft an alle, die in einer ähnlichen Situation stecken oder sie noch vor sich haben. Ich bin für jeglichen Austausch gerne bereit..BREAK THE SILENCE!

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6 Comments

  • Reply
    oli
    6. Februar 2017 at 20:36

    Vor einem Monat ist mein Vater gestorben. Ich habe mir in letzter Zeit sehr ähnliche Gedanken gemacht. Was mich auch erschreckt: Die Zeit zwischen dem Tod meines Vaters und dessen Vaters (30 Jahre) ist, was ich vielleicht selber noch habe. Es fühlt sich nach sehr wenig an und es bestätigt mich daran, das zu tun, was mich glücklich macht.

    • Reply
      Jasmin
      6. Februar 2017 at 20:58

      Das tut mir schrecklich leid das zu lesen..Viel Kraft für dich!
      Niemand weiß wann er sterben wird, ich denke das sollte man auch unabhängig von den Eltern sehen. Dennoch, ja, wir sollten uns bewusst sein, dass es jederzeit vorbei sein könnte und unser Leben auch dementsprechend leben. Ich habe aber das Gefühl, dass du das bereits getan hast und hoffe, oder bin mir sicher, dass du das auch weiterhin so machen wirst. Bleib dabei und berichte weiterhin kräftig! :)

  • Reply
    Lara
    6. Februar 2017 at 21:20

    Hallo Jasmin,
    das hast du wirklich bewegend geschrieben. Der Text hat mich sehr berührt. Ich wünsche dir viel Kraft.

    VG
    Lara

    • Reply
      Jasmin
      6. Februar 2017 at 21:23

      Hallo Lara,

      vielen lieben Dank für deine Worte und alles Gute für dich auf deinen Reisen!!

      <3

  • Reply
    Caroline
    7. Februar 2017 at 9:49

    Sehr starker Text, wir benehmen uns viel zu oft, als wären wir unsterblich…Ich schreibe jetzt nur deshalb nicht viel Kraft weil ich glaube, die hast du schon. Ich freue mich auf mehr Texte von dir und dass es Reiseblogger gibt, die es verstehen, nur dann schreiben, wenn sie etwas zu sagen haben <3

    • Reply
      Jasmin
      8. Februar 2017 at 23:56

      Danke für deine Worte! <3 Ja manchmal ist ein Reiseblog, so sehr ich das Schreiben auch liebe, eben auch einfach nur ein Reiseblog, der dem eigenen Leben hinten angestellt werden muss. Ich hoffe wir sehen uns bald mal wieder!

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