Alle Artikel Gedanken

Warum ich nicht mehr Reisen gehe

Ihr Lieben, es ist nicht leicht den folgenden Text zu Papier zu bringen und schon gar nicht ihn selbst zu begreifen.

 

2011 kam ich nach eineinhalb Jahren Reise nach Hause zurück, begann mein Studium, ging Jahr für Jahr ein paar Monate auf Reise und wartete stets auf 2015, auf das Jahr, in dem ich endlich wieder vollends aufbrechen könnte. Vollends ohne Pflichten, ohne weitere Zukunftspläne, ohne Karriereaussichten, ohne Jahre voller unbezahlter Praktika, frei von jeglichen Zwängen. Denn diese Zwänge, die hätte ich mir auferlegt, sobald ich mein Zeugnis in der Hand gehalten hätte, da dieses Karriere-bezogene-Denken auch an mir nicht spurlos vorüber geht. Aber ich entschied mich dagegen, ich entschied mich frei zu sein, um die glücklichste Zeit meines Lebens nochmals erleben zu dürfen, nur länger, oder gar für immer.

 

Als 2014 Miss Sophie und Butler James endlich erschienen und Stunden später die Raketen in die Luft stiegen, da wusste ich beim Betrachten der hoffnungsvoll hell erscheinenden Lichter, dass es endlich soweit war, das Warten hatte wahrhaftig ein Ende. Also stürzte ich mich voller Elan auf die Planung. Es dauerte ewig bis ich mich bei der ganzen Auswahl an Ländern entscheiden konnte, wo ich denn überhaupt nur anfangen wollte. Doch nach langen Grübeleien wusste ich schließlich die Richtung und setzte mir ein erstes Ziel, an dem ich ankommen wollte. Die Recherche begann. Wie ist das Wetter in welchem Land, wie sind die Einreisebestimmungen, wann macht es Sinn wo zu sein, wo kann ich eventuell arbeiten, wie könnte ich mich von a nach b bewegen, woher nehme ich das Geld…Es war viel Arbeit. Wirklich.

 

Schließlich hatte ich genug davon, ich bin kein Mensch der Planung. Wenn ich zu viel plane, verliere ich den Spaß und fühle mich wieder als hätte ich irgendwelche Pflichten, dabei ging es mir doch um das frei sein. Also dachte ich mir reicht ein grober Plan, ein paar Fakten zu Einreisebestimmungen über Länder, die ich noch nie besucht hatte und vergnügte mich ansonsten mit Dokumentationen, um etwas über die Kulturen zu lernen, was meine Vorfreude schleunigst wieder ankurbelte.

 

Die Zeit rannte. Plötzlich waren es nur noch wenige Monate bis es los ging. Es war noch eine Bachelorarbeit zu schreiben, sämtliche Vorbereitungen mussten getroffen werden und ich hatte immer noch keinen exakten Plan, welche Länder nun wirklich genau bereist werden sollten. Aber das war auch egal. Mein Weg hatte ein Ziel und wie ich dahin kam, das konnte meiner Meinung nach nicht geplant werden. Ich kündigte meine WG, ich fing an Gegenstände meines Lebens zu verkaufen, und vermehrt zu sparen. Es ging endlich los. Es wurde ernst.

 

Und in genau dieser Zeit der Euphorie passierte etwas, mit dem ich nicht in meinen schlimmsten Albträumen hätte rechnen können, etwas Unvorhergesehenes, dass mir den Boden unter den Füßen entriss. Aus familiären Angelegenheiten, die das Leben ganz plötzlich hervorrief, lösten sich meine gesamten Pläne, der jahrelang geträumte Traum, plötzlich wie eine Seifenblase in Luft auf. Einfach so. Vorbei.

 

Die familiären Angelegenheiten waren gewiss viel schlimmer, als dass ich überhaupt Zeit dafür gefunden hätte, mich mit dem Verlust meines Traumes zu beschäftigen, aber ich hatte nun etwas Zeit meine Gedanken und Gefühle zu ordnen und mich auch an dieses Thema heranzuwagen und euch endlich zu berichten, weshalb es zu dieser Stille auf meinem Blog kam. Aber vor allem auch, wie es weitergeht. 
Denn so blöd die private Situation auch ist, habe ich etwas sehr Wichtiges daraus lernen können:

 

Liebe ist das, was uns am Leben hält und uns wirklich glücklich macht. Daher stammt wahres Glück immer von Innen und hat nichts mit unserer Umgebung zu tun. Wer reist, um sein Glück zu finden, der wird für immer leer ausgehen. Das Leben und vor allem Glück lässt sich nicht planen, es muss gelebt werden. 

 

Es ist nicht so, dass ich das nicht auch schon vorher wusste. Hätte ich diese Zeilen gelesen, hätte ich mich niemals angesprochen gefühlt und direkt mit aja klar, was auch sonst geantwortet, aber die Bedeutung dieser Sätze hat sich für mich enorm verändert. Als ich wusste, dass ich nicht gehen kann, habe ich mich gefragt, warum ich überhaupt so unbedingt gehen wollte. Frei sein. Glücklich sein. Schoss es mir durch den Kopf. Aber was macht mich denn auf Reisen so verdammt glücklich, was mir daheim auch nach jahrelangem Versuch nicht gelungen ist? Die Natur. Das Abenteuer. Das Neue. Die Beziehungen zu fremden Menschen. Die neuen Sichtweisen auf die Welt. Das ständige draußen sein. Die Wetter-unabhängige Stimmung. Das ständige Lernen über Menschen, Kulturen und die Natur. Die aktive Lebenshaltung.

 

Es gab da gewiss noch einige Punkte, die mir einfielen, aber irgendwann wurde mir bewusst, dass all diese Punkte auf jedem Fleck der Welt erfüllt werden können. Es geht mir weniger um den riesigen Wasserfall und den beeindruckenden Vulkan. Es geht mir auch nicht so sehr um das Wildwasser Rafting oder das Skydiving. Es geht mir um eine positive, aktive Lebenshaltung, in der ich viel Zeit in der Natur und mit interessanten Menschen verbrachte. Zeit, in der ich viel unternehme, mit meiner Kamera unabhängig auf Entdeckung des Schönen gehe und mich auf fremde Menschen einlasse, um von ihnen zu lernen. 

 

Als ich das begriff, fragte ich mich, ob ich dafür so unbedingt aus Deutschland raus müsse und meine Antwort war erstaunlicherweise sehr schnell Nein

 

Natürlich gibt es einiges, was Deutschland nicht hat und einige verdammt schöne Orte auf unserem Planeten, die ich unbedingt noch sehen möchte, aber die Welt rennt nicht weg. Wenn ich 2015 eben aus welchen Gründen auch immer vom Leben dazu angehalten werde, in Deutschland zu bleiben, dann hat das vielleicht einen Grund, und sei es nur, dass ich diese eben angeführte Lektion gelernt habe. 

 

Ich sehe es nun als Zeichen, und zwar nicht doch den blöden Weg eines mir langweilig erscheinenden Alltags mit tollem Job und ach so viel Geld einzuschlagen, sondern meine Liebe zu Deutschland und der Umgebung zu entdecken. Hier gibt es lecker Sauerkraut, Schnitzel, Oktoberfest, was will man mehr? Nein Spaß beiseite. Wir haben wunderschöne Gebirge, Berge, sehr unterschiedlich interessante Städte, Meer (auf dem man sogar surfen kann!), Bier, traumhafte Seen und vieles mehr. Wir sind von 9 Ländern umgeben, die verschiedener nicht sein könnten, wofür man in Australien erst einmal stundenlang im Flugzeug verbringen müsste…Ihr wisst worauf ich hinaus möchte, Deutschland und Europa haben enorm viel zu bieten.

 

Es zieht mich in die Ferne, wie erstaunlich viele weitere Deutsche, aber das Leben spielt nicht mit, also versuche ich in der Zwischenzeit meine Augen zu öffnen, die schwarze Pessimisten-Brille gegen die rosa Verliebten-Brille auszutauschen und endlich anzufangen mein Leben im Hier und Jetzt zu leben. Vor allem im Hier.

 

Von daher seid gespannt auf die nächsten Wochen und Monate. Ich hoffe, dass ich ein paar von euch ein bisschen Mut geben kann, dass ihr auch ohne die Möglichkeit auf die lang ersehnte Fernreise, euren Traum vom Reisen leben könnt. Denn es ist nicht für jeden so einfach oder gar möglich sein Leben aufzugeben und in die Ferne ins Paradies zu ziehen, wie wir Reiseblogger das meist so vereinfacht darstellen. Auch für uns gibt es Hindernisse, die wir nicht beeinflussen können. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht. Ich für mich habe beschlossen glücklich zu sein und das wahre Glück, das kommt von Innen.

 

In diesem Sinne, lasst uns Deutschland entdecken!

Mira Mireau

You Might Also Like

17 Comments

  • Reply
    Andrea B Aus M via Facebook
    19. Juli 2015 at 13:20

    Ich bitte dich…wenn es das Schicksal zuläßt….und du Deutschland und Europa erkundet hast….gehe auf große Reise !!
    Für mich ist es das größte Glück, dich als Tochter zu haben..!! :-)

  • Reply
    Franzi Blanz via Facebook
    19. Juli 2015 at 14:10

    So schön geschrieben Jasmin! Auch wenns traurig ist… ? fühlt euch gedrückt aus dem tiefen niederbayern, ich denk an euch und hab euch lieb?

  • Reply
    Peter Fellnase via Facebook
    19. Juli 2015 at 15:10

    Als ich aus Frankfurt in den Taunus gezogen bin, war ich heilfroh endlich aus der Stadt draußen zu sein. Ich traf auf Menschen die mich anlächelten, Menschen die mir beim Joggen Platz machten, einfach freundliche Menschen. Im Wald findet man nur in Ausnahmefällen achtlos Weggeworfenes und auch sonst schien stimmungsmäßig alles um zwei Oktaven heller.

    Dieses Wohlgefühl hielt so lange an, solange das alles für mich noch recht neu war. Als mich dann der Alltag eingeholt und sich meine Stimmung wieder auf das ursprüngliche Niveau abgesenkt hatte, war ich (nach einer ausgiebigen Selbstbefragung) um eine Erfahrung reicher: mein Inneres nehme ich überall hin mit und es bestimmt, ob ich mich irgendwo wohlfühlen kann oder nicht (in den Kampfsportfilmen, die ich in den Achtzigern so gerne gesehen habe, trat dann und wann ein weiser Meister mit den Worten auf: „Du nimmst dein Karma überall hin mit“).

    Und nun heißt es -naja, auf der mühseeligen Reise bin ich ja (… nicht alleine… ;-) )-, aufmerksam im Inneren zu weiter zu reisen …

    Bis Montag …

  • Reply
    Reiseaufnahmen via Facebook
    19. Juli 2015 at 15:25

    Alles Glück der Welt für dich!

  • Reply
    Stephanie Helmig via Facebook
    19. Juli 2015 at 16:12

    Ich werde Dir meine schönsten Ecken zeigen und mit Dir hindurch blödeln, lachen, träumen und genießen.

  • Reply
    Chris Wilpert via Facebook
    19. Juli 2015 at 20:48

    Oh man! Ich fuehl mich wie in einem Flashback. Nicht von mir aber von meiner besten Freundin Carmen Ko, die nach einem tragischen Familienvorfall auch ihre Weltreise abbrechen musste.

    Ich wuensch dir alles erdenklich Gute! Viel Kraft und einen klaren Kopf. Es gibt in Deutschland und Europa sooo viel zu erkunden… Ich bin sicher du wirst es nicht bereuen und vielleicht in ein paar Jahren zieht es dich trotzdem nochmal auf eine laengere Reise… Ich drueck dir die Daumen!

  • Reply
    Jan Thomann via Facebook
    20. Juli 2015 at 11:14

    Dein Beitrag hat mich berührt, krass wie du das Ganze formulieren konntest, zb das wo du beschreibst, was du so gesucht hast auf deinen Reisen und das man das auch in der Nähe finden kann! Stimme dir voll zu und trotzdem muss man sich das immer wieder in erinnerung rufen, damit diese Haltung nicht vom Alltag verdrängt wird.
    Danke für die Inspiration und alles Gute!

  • Reply
    Katie Gallus via Facebook
    24. Juli 2015 at 10:57

    Schöner Text!! Alles Fute für dich. Melde dich, wenn du Lust auf Windsurfen in/um Berlin hast:)

  • Reply
    Anna
    29. Juli 2015 at 17:33

    Ein schöner Text, der sehr viel wahres enthält. Abgesehen davon ist Deutschland, genauso wie Europa, meiner Meinung nach ein mindestens ebenso lohnendes Reiseziel wie alle Ferndestinationen. Man projiziert vielleicht nicht so viel hinein, aber sehenswert sind sie allemal. :-)

    Herzlich,
    Anna

    • Reply
      Jasmin
      28. November 2016 at 17:14

      Hallo Anna, da hast du sowas von Recht. Deutschland hat unfassbare Ecken..zwar fehlen die fremden Kulturen, aber wenn es einem um die Natur geht, kann man sich in Deutschland genug austoben! :)

  • Reply
    David
    14. August 2015 at 10:35

    Hallo Mira,
    Vielen Dank für die schönen Worte! Wenn Du magst, komme gerne mal nach Freiburg oder in den neuen Nationalpark Schwarzwald. Ich arbeite dort gerade an einer sehr schönen Film- und Fotoproduktion – in herrlicher Natur, direkt vor der Haustüre. Gib Nachricht, wenn Du mal in der Gegend bist.
    Sonnige Grüße aus dem Süden,
    David

    (ITB – remember? :-))

    • Reply
      Jasmin
      28. November 2016 at 17:15

      Hey David,
      klar erinnere ich mich! Der Blog lag aus privaten Gründen auf Eis in den letzten eineinhalb Jahren und nun hat es mich nach Portugal gezogen, solltest du mal hier sein, gib Bescheid! :)

  • Reply
    Christina
    1. März 2016 at 23:08

    Ich kann deine Entscheidung komplett nachvollziehen. Auch bei mir stellen sich viele Hindernisse in den Weg. Jedoch versuche ich eigene Barrieren zu überwinden und mache mir immer wieder Mut es zu aufs Neue zu versuchen. Es kostet viel Kraft aber es ist ein richtig gutes Gefühl wenn man seine Ängste überwindet. Ich finde auch dieser Artikel bringt das Alles gut rüber: http://passport-diary.com/nicht-reisen/ Auf deinem Weg wünsche ich dir alles Gute.

    • Reply
      Jasmin
      28. November 2016 at 17:17

      Dankeschön! Es handelte sich bei mir allerdings nicht um Barrieren, die mit Mut zu überwinden gewesen wären und es scheiterte nicht an meiner Angst, so etwas wird es in meinem Leben denke ich niemals geben. Leider gibt es manchmal im Leben gewisse Umstände, die einen von seinen Träumen abhalten ohne dass man irgendetwas daran ändern kann.
      Ich hoffe, du hast den nötigen Mut gefunden! :)

  • Reply
    Katrin
    11. April 2016 at 17:25

    Ich habe mich gerade so gefreut, deinen Blog entdeckt zu haben, da sehe ich auch schon deinen Artikel, dass es dich nicht mehr allzu weit weg zieht. Die Gründe sind nachvollziehbar und Respekt, dass du so ehrlich und persönlich schreibst! Trotzdem freue ich mich, falls du wieder einmal wegfliegst und Bilder von weiter weg zeigst. Für das Stückchen Glück, das man nur erfahren kann, wenn man über den Tellerrand schaut und ins Unbekannte aufbricht.

    • Reply
      Jasmin
      28. November 2016 at 17:18

      Hallo Katrin,
      vielen Dank für deine Worte!!!
      Es war eine lange und anstrengende Zeit, aber das Reisen hat mich nun wieder und ich lasse euch gerne daran teilhaben.
      Liebe Grüße

  • Reply
    Gedanken zu Träumen, der Liebe und dem Schicksal - Mira Mireau
    28. November 2016 at 14:03

    […] Mit 20 war ich das letzte mal für über ein Jahr auf Reise. Das gesamte Studium über sehnte ich mich nach meinem Abschluss, um endlich wieder losziehen zu dürfen. Urlaube, Surfen, dreimonatige Backpacking Trips, nichts konnte die schreckliche Sehnsucht lindern. Als dann endlich nach jahrelangem Warten der lang ersehnte Tag des Aufbruchs spürbar greifbar war, kam unerwartet das Leben dazwischen und ich musste all meine Pläne abbrechen, all die Träume aufs Eis legen. Meinen Gedanken zu dem damaligen Entschluss könnt ihr hier nachlesen. […]

  • Leave a Reply

    Follow me on Facebookschliessen
    oeffnen