Gedanken

Ein Liebesbrief an einen Unbekannten

Mein lieber Freund,

 

weißt du, als ich damals vor meiner Abreise stand, da sagten mir meine Eltern, dass ich mich bloß nicht in einen Australier verlieben solle, den ich dann heiraten und mit ihm am anderen Ende der Welt leben werde. Wie du weißt, ist es kein Australier, sondern ein Franzose geworden und dieser Franzose, der warst du.

 

Ich weiß noch, wir waren direkt auf einer Wellenlänge und du warst meine engste Vertrauensperson, wir waren mit der Sprache nicht vertraut, alleine und so weit weg von Zuhaus. Nach der Arbeit alberten wir im Pool, du machtest mir Crêpes, wir gingen mit den anderen aus. Wir waren ein Team. „Small Teddy bear“ nanntest du mich, war ich doch so viel jünger als du. Bald wurde uns klar, dass das mehr als nur Freundschaft war und umso schlimmer war es, als ich nach einem Monat schweren Herzens die Stadt und somit auch dich verließ. War es doch aber stets mein Traum, das Land zu erobern, mich treiben zu lassen, frei und ohne Pflichten. 

 

Wie es das Schicksal so wollte trafen wir uns aber schon sehr bald wieder. Doch nachdem wir Wochen lang gemeinsam die beste Zeit unseres Lebens im Outback verbrachten, gingen wir schon wieder getrennte Wege. Diesmal war es schlimmer als zuvor. Das war uns beiden bewusst und doch wollten wir es uns nicht ansehen lassen. Die Trennung sollte für immer sein. Gelassen nahmen wir sie hin. Wie naiv von uns. Als ob ein „War schön mit dir“ uns hätte befriedigen können.

 

Als ob wir das ganze Abenteuer hätten vergessen können.

 

Die Wanderungen, die Sternenhimmel, die Autofahrten, das Outback, uns. Als ob ein simples „War schön mit dir“ dem Ganzen hätte gerecht werden können.
Natürlich konnte es das nicht. Wieder trafen wir uns zufällig am anderen Ende des Kontinents und ich wusste schon gar nicht mehr, ob das zufällig nicht doch irgendwie geplant von uns war. Niemals hätten wir das zugeben können, waren wir doch alleine unterwegs, war es doch so naiv und wussten wir doch schon von vornherein wie das Ganze enden würde. Aber es war zu spät. Mittlerweile sah man uns als Paar. Wir stellten uns so vor. Wir erzählten unsere Geschichte. Wieder waren wir ein Team. Doch wie nach jedem Monat sollte es auch nach diesem wieder vorbei mit uns sein. Ich wollte aufs Land, du in die Stadt.

 

Es war für uns beide die lang ersehnte Reise. Für nichts und niemanden wollten wir unsere Träume verändern.

 

Bei diesem Abschied war mir jedoch klar, dass es nicht für lange Zeit sein sollte, ich fühlte und ich wusste es. Und so war es schon kaum noch verwunderlich dich nach zwei langen Wochen wieder in die Arme schließen zu können. Doch dieses mal war alles anders. Das war kein zufälliges Treffen mehr, dieses mal war alles geplant. Du hattest deine Pläne für meine Träume geändert. Du bist nicht auf die Insel geflogen, wie du einst dachtest, du hast deinen Flug abgesagt, um zu mir auf eine kleine Farm im Nirgendwo zu kommen. Von da an, wusste ich, dass ich nicht länger alleine reisen würde.

 

Es war nun unsere Reise und unser Abenteuer. Oh und was für ein Abenteuer es war…

 

Weißt du noch, als wir an dem abgelegenen Strand im Sonnenuntergang die große Gruppe von spielenden Delfinen beobachteten? Wie magisch die Natur vor uns erstrahlte? Wie wir nach wochenlanger einsamer Fahrt wieder in der Großstadt ankamen und uns wie ausgesetzte Wilde fühlten? Wie wir gerade so dem Buschfeuer in Perth entkamen oder uns in Christchurch bei dem Erdbeben unter dem Bett versteckten? Wie wir das erste Mal auf dem Surfboard standen und wie glücklich wir waren als wir unseren ersten Van schließlich kauften? Weißt du noch als wir die Seelöwen und Pinguine beobachteten und auf dem Glacier uns durch die engen Eiswände quetschten? Kannst du dich noch an den Moment erinnern, als wir mit dem kleinen Flieger über die Klippen flogen und wie unsere Gesichter noch nachts nicht ihr Strahlen verlieren konnten? 

 

Acht Monate warst du an meiner Seite. Tag und Nacht. Durch dick und dünn. Teilweise sah ich über Tage, nein über Wochen keine Menschenseele außer dich. Monate in einem Auto. Monate auf dem engsten Raum.

 

Ich habe die größten Abenteuer meines Lebens in dieser Zeit erlebt, stets mit dir an meiner Seite.

 

All die Erlebnisse, die Erdbeben, das Buschfeuer, unser großer Autounfall, das monatelange Hitchhiken, du warst immer bei mir und hast mir Schutz geboten. Zu keiner Sekunde musste ich mich alleine fühlen. In keinem Moment hätte ich an dir gezweifelt. All die schönen Dinge, die wir erlebt haben, die unzähligen Sonnenuntergänge, Sternenhimmel, Vulkane, Wüsten. Sie wären nie so schön gewesen, wenn ich sie nicht hätte mit jemandem teilen können. 

Aber ich denke auch an all die kleinen Momente. Wie wir im Auto zu unseren Lieblingsliedern laut mit gegrölt haben. Wie wir mit der Zeit unsere eigene Sprache entwickelten und bald feststellen mussten, dass all die erfunden Wörter aus Französisch, Deutsch und Englisch niemand verstand. Oder aber als du mir den Auftrag gabst für unseren Van neues Spielzeug zu kaufen. An die Frisbee oder den Hulla Hoop mit denen ich mir so gerne die Zeit vertrieb. Deine größte Freude war es zu sehen, wenn ich glücklich war und mich machte es glücklich deine Freude dabei zu sehen. 

 

Ein Jahr alleine auf Reisen. Ein Jahr so weit weg von Daheim. Ein Jahr. Noch so jung und so unerfahren.

 

Ein Jahr, das ich mit dir geteilt habe. Und es war ohne zu lügen die mit Abstand beste Zeit meines Lebens. Auch jetzt vier Jahre später war ich nie glücklicher als in jenen Tagen. All die Streitigkeiten über mein Talent des Kartenlesens, über unsere Fahrkünste oder wenn wir uns verfuhren können in keiner Weise auch nur annähernd gegen unser Erlebtes, unser Abenteuer standhalten. Ich werde es nie vergessen.

 

Doch als wir uns nach vier Monaten wieder sahen und versuchten Zuhause ein Leben aufzubauen, kamen Hürden, die es auf Reisen so nicht gab. Daheim da wartete ein anderes Leben auf uns. Daheim da waren wir andere Menschen. Da lebten wir zwei Leben, die nicht hätten unterschiedlicher sein können. Natürlich wartete somit auch ein Ende, das hätte dramatischer nicht sein können. Aber es war alles in Ordnung so, nein es war komplett richtig und das Leben hätte besser nicht verlaufen können. Alles hat seinen Sinn und alles kommt zur rechten Zeit.

 

Du sagtest mir einmal auf Reisen, dass du mich nie vergessen wirst.

 

Und glaube mir, ich werde dich und all das auch niemals vergessen. Diese Zeit, die Erlebnisse, unser Abenteuer, keiner kann es nachvollziehen. Ich habe das alles nur mit dir geteilt und die Erinnerungen werden uns für immer zusammen halten. Egal was war. Ich werde unser Abenteuer nie vergessen. Nicht jetzt. Nicht in 10 Jahren und auch nicht in 50. Die Erinnerung bleibt und ich danke dir und diesem wunderbaren Leben, dass ich das erleben durfte.

 

Lebe wohl.

 

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Die Liebe auf Reisen bringt viele Hürden und ist sie doch so intensiv wie kaum vorstellbar. Ein Abenteuer birgt Wunder. Ein geteiltes Abenteuer aber, das nennt sich Liebe…

 

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4 Comments

  • Reply
    Jana Schwarz via Facebook
    16. Februar 2015 at 21:01

    Finde ich sensationell geschrieben. .wünsche Euch das ihr euch wiederseht. ..

  • Reply
    Stefanie Schwarz via Facebook
    16. Februar 2015 at 22:58

    Toll! <3

  • Reply
    Leidensgefährte
    19. März 2015 at 4:13

    Oh mein Gott ist dieser Beitrag schön. Herzlichen Glückwunsch. Das kam von Herzen.

    • Reply
      Jasmin
      19. März 2015 at 12:44

      Dankeschön, ja das kam es tatsächlich!

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