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59 Tage alleine als Frau im Iran – Ein Interview mit der Autorin von „They would rock“

THEY WOULD ROCK – 59 TAGE IRAN

 

„Iran!?!“ Große Augen gucken mich an. „Geschäftlich?“

„Nein, privat. Reisen.“

„Ah, eine Tour?“

Nein. Backpacking.“

„Alleine?“

„Ja.“

„Du, als Frau?!?“

„Ja.“

Mutig…!“ *

 

*Zitat aus „they would rock“ von Helena Henneken

 

 

 

Oft lese ich Reiseliteratur und hoffe auf Inspiration, Erinnerungen und Gedankengänge von Gleichgesinnten. Da ich mich meist auf mindestens einen dieser Aspekte freuen kann, lohnt sich für mich fast jedes Reisebuch. Aber erst wenn es dem Autor gelingt mich seine individuelle Geschichte miterleben zu lassen, in mir Sehnsucht und Glückseligkeit entfachtet als sei ich selbst Teil seiner Reise, erst dann hat sich ein Reisebuch wirklich einen festen Platz in meinem Herzen ergattert.. Und Helena Henneken ist genau dies mit ihrem wundervollen Werk they would rock: 59 Tage Iran gelungen.

 

Iran. Zwei Monate. Alleine. Als Frau. 
Das sind die Kernfakten und bedeutet in Helena Henneken’s Werk entgegen vieler Erwartungen zwei Monate voll von wunderbaren Begegnungen mit Menschen, die auf Grund ihrer Kultur einst so fremd wirkten und schon nach nur wenigen Zeilen von fürsorglicher Gastfreundschaft und  erfrischend positiver Lebenseinstellung die Sehnsucht eines jeden Lesenden entfachten. Zugleich sind es nicht nur Helena’s beeindruckende Erfahrungen mit den Iranern oder ihr liebevolles Buchdesign, die ihr Reisebuch ausmachen, für mich waren es besonders die politischen und religiösen Einstellungen und Weltanschauung der Menschen, auf die sie traf, die ihr Reisebuch zu etwas Einzigartigen werden ließen und mich zu dem Entschluss führten unbedingt mehr über die Backpackerin und Autorin Helena Henneken herauszufinden.

 

59 Tage alleine als Frau im Iran…

 

they would rock

 

Interview mit Helena Henneken von „they would rock – 59 Tage Iran“

 

Hallo Helena, stelle dich doch bitte kurz vor. Was machst du wenn du mal nicht gerade alleine im Iran reist?

Helena: Wenn ich in Deutschland bin, lebe ich in Hamburg, arbeite als selbständige Coach, Kommunikationsberaterin und – seit „they would rock“ – auch als Autorin, unternehme viel mit meinen Freunden, gehe zu Konzerten, ins Kino, segeln, fahre ans Meer, lese… und schmiede neue Reisepläne.

 

Warum Iran? Und vor allem warum alleine, war das Zufall oder bewusst so von dir gewollt?

Helena: Iran? Aus Neugierde. Auf das Land und vor allem auf die Menschen. 2011 habe ich auf einer Reise in Kirgisistan andere Backpacker getroffen, die von Europa aus über Land gereist sind, und so auch durch den Iran. Die waren ganz begeistert von dem Land und vor allem den Menschen – und das hat sofort meine Neugierde geweckt. Ganz besonders, weil ich damals noch ein sehr anderes Bild von dem Land hatte.

Als ich dann angefangen habe, mich mehr mit dieser Reiseidee auseinander zu setzen, habe ich verschiedene Freunde gefragt, ob sie mitkommen möchten. Aber das wollte keiner. Also bin ich alleine losgefahren. Was aber keine schwierige Entscheidung war, da ich gerne alleine reise. Das habe ich schon auf meiner Weltreise 2009 geprobt und genossen: irgendwie ist man als Alleinreisende offener, hat mehr unerwartete Begegnungen und Gespräche mit Fremden – und genau das ist es, was ich am Reisen so liebe!

 

Deinem Buch konnte ich entnehmen, dass du dir Grundkenntnisse in Farsi angeeignet hast, welche Vorbereitungen hast du sonst noch unternommen und würdest du unbedingt weiter empfehlen? 

Helena: Ich versuche es bei größeren Reisen immer, mir Grundkenntnisse der Sprache anzueignen – weil es im Land hilfreich ist und weil ich es höflicher finde. Das hat auch bei meinen Begegnungen im Iran für Freude gesorgt. Wobei ich viele Iraner getroffen habe, die gut Englisch gesprochen haben. Ein Glück für mich, denn mit meinen wenigen Worten Farsi hätten hätte ich niemals so viele interessante Gespräche führen können!

Da ich trotz meiner Neugier kein Gefühle dafür hatte, was mich als alleinreisende Touristin in dem Land erwartet, habe ich mich insgesamt deutlich mehr auf die Reise in den Iran vorbereitet als ich das sonst bei Reisen mache (oft lese ich den Reiseführer erst richtig im Flugzeug… ;): Ich habe mehrere Reiseführer und Sachbücher gelesen, iranische Filme geguckt, den Farsi-Kurs gemacht – und, was eine der besten Vorbereitungen war: Ich habe plötzlich schon in Deutschland einige Bekannte von Bekannten kennengelernt, die in 1. oder 2. Generation als Exil-Iraner in Deutschland leben. Sie haben mich durch ihre Erzählungen auf das Land vorbereitet und waren wahnsinnig hilfsbereit.

Nach meiner Reise im Iran würde ich sagen, dass man diese umfassenden Vorbereitungen nicht wirklich dafür braucht. Für mich und meine Einstimmung auf das Land waren sie aber genau richtig.

 

Du wurdest gerade zu von Gastfreundschaft überschwemmt. Immer wieder haben dich Familien zu ihnen nach Hause eingeladen und dir ihr Leben gezeigt. Sicherlich keine einfache Frage, aber was war für dich die beeindruckendste Begegnung, an die du dich noch heute oft zurück erinnern musst?

Helena: DIE eine Begegnung gab es nicht… für mich war es die Vielzahl der Begegnungen, die mich überrascht und berührt hat! Dass ich als Fremde so gastfreundlich und herzlich aufgenommen werde, hatte ich nicht erwartet. Auch nicht, dass mir die Menschen so offen begegnen – wir sogar über Wirtschaft, Politik und Religion diskutieren – und ich so viel aus ihrem Leben erfahren darf. Jeden Tag sind mir neue Menschen mit ihren Lebensgeschichten begegnet, lebensfroh und lustig aber auch deprimiert und verzweifelt.

Viele haben mich mit ihrer Art und Lebenseinstellung sehr beeindruckt, insbesondere wenn man sich vor Augen führt, in was für einem System die Iraner leben. Einmal habe ich z.B. lange mit einer 16-jährigen Schülerin diskutiert – in perfektem American English, obwohl sie niemals in Nordamerika war. Sie berichtete vom Anstieg der Depressionen unter iranischen Schülern: Sie wüssten und könnten so viel, hätten im Iran aber keine Freiheiten und Chancen, diese Energie auch zu nutzen. Sie selbst wollte mit ihrer Volljährigkeit sofort in die USA auswandern und Psychologie studieren. Und dann sagte sie diesen Satz, der viele meiner Eindrücke auf den Punkt gebracht hat und zum Titel meines Buches geworden ist: „If my people lived in another country, they would rock.“

 

Es gab auch Momente, in denen du die Gefahr, vor denen immer alle warnen, mal mehr zu spüren bekamst und du dich alleine und unwohl fühltest. Wie hast du es dennoch geschafft deine positive Einstellung stets beizubehalten und ohne große Skepsis all die Einladungen anzunehmen? Verspürtest du niemals Angst, dass du dich dadurch in Gefahr begeben könntest?

Helena: Hätte ich bei einer der Einladungen Angst oder Skepsis verspürt, hätte ich sie definitiv nicht angenommen. Da bin ich vorsichtig! Es gab natürlich auch Situationen im Iran, in denen ich auf Gespräche oder Einladungen nicht wirklich eingegangen bin, weil sich die Situation nicht richtig anfühlte – wie es eben bei Reisen überall auf der Welt vorkommt. Letztendlich vertraue ich auf mein Bauchgefühl. Und das hat mich bis jetzt weltweit immer richtig gelenkt! Zum Glück! Wahrscheinlich rührt daher auch mein großes Vertrauen.

Die wenigen Situationen, in denen ich mich im Iran unwohl gefühlt habe, beruhten hauptsächlich auf dem Unverständnis einiger Männer, dass ich als Frau alleine reise – ohne Ehemann, Vater oder Bruder. Das ist für einige Frauen im Iran nicht erlaubt: je nachdem, aus welcher Gegend sie kommen und wie traditionell ihr Umfeld ist. Aber – wie gesagt – diese Situationen kamen sehr selten vor! Und es ist auch nie etwas Schlimmes passiert. Im Gegenteil: Die meisten Iraner sind mir sehr offen, neugierig und interessiert begegnet. Übrigens reisen viele iranische Frauen selbst auch alleine oder „bunt gemischt“, besonders aus den Städten: Einmal wurde ich von 15 Iranern eingeladen, mit ihnen vier Tage durch das Land zu fahren – eine Truppe von zusammengewürfelten Freunde, unterwegs in vier Autos.

Ich habe mich als Reisende im Iran ziemlich schnell wohl und sicher gefühlt. Für die Iraner gibt es allerdings noch eine ganz andere Seite – sie müssen mit dem System dort leben. Darüber wurde mir viel berichtet: Ich habe Aussagen gehört wie „If you see the police, run!“ oder „In other countries, the parents are happy if the police takes care of their children who don’t come home at night. In Iran, the parents are afraid that the police might have taken their children who don’t come home at night.“ Die Willkür der Regierung und ihrer Institutionen, die Korruption im Land und vor allem die fehlende Freiheit in vielen Bereichen waren oft Thema. Genauso wie die Niederschlagung der „Grünen Revolution“ in 2009 und die Inhaftierung von Oppositionellen und Bloggern.

Mir wurde berichtet, dass die Regierung die Zügel manchmal lockerer lässt, beispielsweise bezogen auf die Nutzung von Satelliten-TV oder sozialen Medien wie facebook, was im Iran offiziell blockiert ist und trotzdem von vielen genutzt wird. Aber: Man wisse nie, wann die Regierung die Zügel wieder enger anziehen würde, das könne jederzeit passieren.

Erst kürzlich gab es ja auch bei uns die Berichte von der Inhaftierung der jungen Teheraner, die wegen ihres selbst produzierten „Happy-Videos“ festgenommen wurden – und von der Hinrichtung der jungen Reyhaneh Jabbari, die sich gegen ihren Vergewaltiger gewehrt hatte.

 

Du hast zwei Monate lang ein Kopftuch getragen und dich den iranischen Frauen angepasst; hat sich durch diese und andere rollenspezifische Erfahrungen dein Bild von der Frau im Iran geändert?

Helena: Ich hatte vor der Reise kein richtiges Bild von „den Frauen im Iran“. Ich wusste natürlich, dass sie sich verschleiern müssen, rechtlich schlechter gestellt sind… Und dann bin ich auf viele sehr starke Frauen getroffen! Die sich an die Kleiderordnung halten – sie aber durchaus sehr modisch interpretieren und die Grenzen austesten. Die sehr gebildet sind, arbeiten, „ihren Mann stehen“, zuhause die Hosen anhaben, gleichberechtigt auftreten – gar nicht die Rolle einer schlechter gestellten Frau annehmen. Und auch so von den Männern akzeptiert sind.

Das hat mich überrascht! Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass ihre Situation noch sehr von ihrem Umfeld abhängt: in der Hauptstadt Teheran habe ich diese anders wahrgenommen als in einer Kleinstadt in den kurdischen Bergen. Wobei mir auch hier selbstbewusste Frauen und sehr aufgeweckte Teenager-Mädchen begegnet sind.

 

Immer wieder haben dir deine Gastgeber Botschaften mitgeteilt, die du unbedingt allen in Deutschland verkünden solltest. Jetzt ist DIE Gelegenheit dafür, kannst du uns ein paar dieser Botschaften, sowie ihren Hintergrund nennen?

Helena: Das überraschendste Erlebnis dazu war mein Besuch auf einer iranischen Polizeistation, wo ich versucht habe, mein Visum zu verlängern: Die zwei Polizeibeamten dort haben mich fast eine Stunde ausgefragt – von „What do you do in Iran?“ über „How do you like Iran?“ bis hin zu „Have you been to Israel?“ und „What is the propaganda in your country about Iran?“. Ich wusste nicht so genau, warum sie diese Fragen stellen – und war etwas verunsichert, wie ich auf einer iranischen Polizeistation darauf antworten soll… Bis ich schließlich verstanden habe, dass das kein offizielles Verhör ist, sondern die beiden einfach nur neugierig sind! Mein Visum haben sie dann übrigens nicht verlängert – es war wohl noch zu früh dafür – mir stattdessen aber einen Auftrag mitgegeben: „Please tell everyone in your country about Iran.“

Das ist eine der Botschaften, die ich im Land häufig gehört habe: Vielen schien das Image ihres Landes bei uns sehr bewusst zu sein. Oft habe ich die Frage „What do you think of Iran?“ beantwortet. Und sogar Witze darüber gehört: „We are terrorists!“

 

Du hast definitiv einige neue Erfahrungen machen können, aber was ist für dich die wichtigste Erkenntnis, die du aus deiner Zeit im Iran für dein weiteres Leben mitnimmst?

Helena: Wie wichtig es für mich ist, immer wieder mein Weltbild zu hinterfragen. Die menschliche Seite zu entdecken – eigene, persönliche Erfahrungen zu sammeln. Mein Bild des Iran hat jetzt auf jeden Fall eine deutliche Trennung zwischen Regime und Menschen. Und ich habe die Frage mitgenommen, wie wir eigentlich Fremden in unserem Land begegnen – wie es um unsere Willkommenskultur steht.

 

Reisen in den Iran sind nicht gerade heiß begehrt. Immer wieder wird von der Gefahr vor allem für Frauen gesprochen. Warum lohnt es sich deiner Meinung nach trotzdem den Iran zu bereisen? 

Helena: Um die anderen Seiten des Landes zu entdecken!

 

Zurückblickend, würdest du alles wieder genau so machen?

Helena: Gerne würde ich diese Reise noch einmal machen! Für mich war sie ein sehr besonderes Erlebnis. So berührend und inspirierend, dass auf der Reise die Idee zum Buch entstanden ist. Das war vorher nicht geplant.

 

Wenn du uns nach deiner Reise den Iran beschreiben wollen würdest, welche drei Worte würden deiner Meinung nach am ehesten das widerspiegeln, was den Iran wirklich ausmacht?

Helena: The people rock!

 

Herzlichen Dank liebe Helena für deine Zeit und besonders aber für deine ehrlichen und aufrichtigen Antworten.

They would rock

Helena Henneken während ihrer Reise im Iran

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2 Comments

  • Reply
    Clemens
    13. Mai 2015 at 16:21

    Wow, wusste ja gar nicht, dass du Helena interviewed hast, super! Hab sie bei einer ihrer Lesungen kennengelernt. Hab das Buch aber erst nach meinen Iranreisen entdeckt. Super interessantes Thema! Liebe Grüße, Clemens

    • Reply
      Jasmin
      17. Juli 2015 at 16:57

      Hey Clemens,
      ja das Buch hat mich sehr fasziniert, da musste ich sie unbedingt kontaktieren. Sehr sympathische Frau!
      Liebe Grüße

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