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Orientierungslos nach dem Studium

 

„Und was machst du so? Studierst du?“

– „Ja, Kunstgeschichte und Soziologie!“

*komischer Blick und ich sehe die berühmte Frage schon kommen*

„Und was kann man damit machen?“

-„Nichts!“

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Vergangene Woche war es mal wieder so weit. Verträumt schaukelte ich in der Hängematte im Garten des Surfhauses und genoss die angenehme Kühle, die mir die Bäume liebevollerweise durch ihren  Schatten spendeten.  Es war 15 Uhr auf Fuerteventura und die Sonne zeigte sich von ihrer besten Seite. Mein Körper schmerzte vom Surfkurs am Morgen und ich spürte Muskeln, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie überhaupt besitze. Vom Profi sein war ich noch immer weit entfernt, denn dieses Meer ist wirklich nicht so einfach zu bändigen wie es von außen ausschaut, aber der Spaßfaktor, der war mal wieder unbeschreiblich groß.

Und während ich da so in meiner Hängematte baumelte, frei von jeglichen Sorgen, wurde mir mal wieder bewusst, wie glücklich ich doch genau in jenem Moment war. Vielleicht lags am günstigen Bierpreis, oh und wie günstig der war, vielleicht auch an der Sonne, den Wellen oder all den netten Menschen, die mich umgaben – ich weiß es nicht, und das muss ich auch gar nicht, denn Fakt ist, ich war rundum glücklich.

Doch wie immer, wenn ich realisiere, dass es mir an einem Fleckchen Erde besonders gut gefällt, schießt mir stets die selbe Frage in den Kopf:

Ist es das, was ich von meinem Leben erwarte? Ist es das, was mich auf Dauer glücklich machen könnte? Soll so mein zukünftiges Leben aussehen?

Und schon war es vorbei mit der ausgelassen entspannten Stimmung. Vorbei mit dem gemütlich in der Hängematte schlummern. Vorbei mit der Zufriedenheit. Vorbei mit der „No Worries-Mentalität“. Vorbei mit einem Zustand, in dem ein Temperaturwechsel meines Bieres mir die größte Sorge bereiten sollte.
Denn Fakt war, auch wenn ich rundum glücklich war:

Ich wusste es nicht!

Ich wusste weder was fehlt, denn schließlich war ich bis vor wenigen Minuten zuvor noch der glücklichste Mensch auf Erden gewesen, warum also nicht ein Leben lang so glücklich und zufrieden bleiben?
Ich könnte meine Uni fertig machen, in einem halben Jahr wird das der Fall sein, und dann könnte ich dieses Leben einschlagen. An einem schönen Ort, bei Sonnenschein in einem Café arbeiten, oder in einem Hostel oder einer Surfschule oder einer Bar oder sonst wo, wo sie mich eben bräuchten und das Leben mich hinführt. Würde nicht viel Geld verdienen, aber wofür bräuchte ich denn auch so viel Geld, wenn ich nicht mehr sparen muss, um mich an dieses schöne Fleckchen Erde zu transportieren. Ich wäre ja längst da, im Paradies!
Wozu also das Ganze?

Möchte ich nicht doch irgendwie in einem großen Unternehmen arbeiten und viel Geld verdienen und mit dem Gesparten die Welt bereisen?

Natürlich möcht‘ ich die Welt bereisen. Das stand nie zur Frage! Aber in einem großen Unternehmen arbeiten? Mich mit einem unzufriedenen Chef herum quälen und einem öden Alltag und viel zu viel Arbeit, die selbst zu Hause noch kein Ende nimmt, so dass ich den Unterschied zur Freizeit glatt vergess‘? Dann ewig meinem Urlaub entgegen sehn‘ und letztendlich dahin fahr‘ wo ich doch ohnehin schon hätte sein können, nur ohne Stress und Ärgernis?
Klar, nette Kollegen und sogar nen netten Chef, das solls schon geben, hab‘ ich auch schon von gehört, aber selbst dann, ich würd‘ nie aufhören können an die Ferne zu denken. Ich würd‘ meinen Rucksack 24/7 vermissen. Die Strände. Die Djungel. Die Wellen. Die Menschen und besonders fremde Kulturen. Fremde Sitten. Fremde Mentalitäten.
Das lässt sich nicht so einfach abstellen, zumindest jetzt nicht, vielleicht ja irgendwann, vielleicht ja auch schon in einem Jahr, vielleicht auch in 10, 20, 30, vielleicht aber auch nie. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es jetzt nicht funktioniert. 

Die ganze Schulzeit über habe ich meinem Abitur entgegen gesehnt. Nicht, weil ich die Schule so schrecklich fand, okay vielleicht ein bisschen, aber hauptsächlich doch, weil ich verreisen wollte – frei sein, die Welt sehen, mich selbst entdecken. Getan hab ich’s. Viel länger als gedacht und es war großartig. Nein warte, das beschreibt es nicht einmal annähernd..ehm jetzt hab ich’s: Es war die mit Abstand beste Zeit meines Lebens! Ja genau, so hört sich das gut an.
Seitdem ist nichts mehr wie zuvor, vor allem aber ich bin es nicht. In mir drin dieses Gefühl der Ohnmacht und Trauer. Bei jedem Urlaubsbild, jeder Werbung, jedem Plakat, jedem Flyer, das auch nur annähernd einen Eindruck vom Fernen wiedergibt, schnürt es mir den Magen zu, als würde er mir sagen wollen, dass ich doch endlich wieder los ziehen soll, dass es ihm hier auch nicht gefällt. Zumindest denke ich, dass er mir das sagen möchte, da bin ich mir ziemlich sicher sogar.  Da helfen auch keine viermonatige Reisen pro Jahr. Vier Monate glücklich sein und dann acht Monate wieder an Fernweh leiden? Besser als nichts, ja. Aber wie wäre es mit 12 Monaten glücklich sein? Das will ich!
Ich denke, spätestens wenn dir bei irgendeiner beliebigen Natur- oder Reisedoku direkt die Tränen des Glückes und der Sehnsucht in die Augen schießen, nur weil gerade ein paar Löwen in Afrikas Felder rumrennen, solltest du dir doch schon langsam mal Gedanken machen, ob noch alles klar bei dir im Leben läuft. Deshalb: Here I go!

Alle fragen sie, was denn meine Pläne für die Zukunft seien, können mich nicht ernst nehmen, stempeln es als jugendliche Naivität ab. Aber bin ich da nicht langsam raus aus dieser Nummer? Haben sie mir nicht schon in der Schule gesagt, dass meine Einstellung an meinem Alter liegt?

„Kind, mach erstmal die Schule fertig“

„Kind, mach‘ doch erstmal deine erste Reise, vielleicht gefällt’s dir ja gar nicht“

„Kind, du bist ja gerade erst wieder gekommen, du musst dich ja erstmal wieder an alles gewöhnen“

„Kind fang‘ doch erstmal an zu studieren“

„Kind mach‘ erstmal die Uni fertig, dann sehen wir mal weiter“.

Naja. Nun dem ist jetzt so. Und was hat sich geändert? Nichts.

Früher in meinem Freundesbuch, ich werd’s nie vergessen, da hat meine geliebte Frau Mama auf die Frage, was sie denn mal werden wolle, doch glatt „glücklich“ geschrieben. Haben sie mir nicht als Kind immer gesagt, ich soll auf meine Eltern hören? Vllt liegts ja auch einfach an der DNA, denn glücklich werden, da hätte ich auch nichts dagegen, damit könnt‘ ich ohne große Überlegung leben.

Also nun denn, ich scheiß‘ (entschuldigt diesen Ausdruck) jetzt drauf. Ich weiß was ich will, und das können nicht viele behaupten. Glücklich sein. Glücklich mit meinem Backpack. Glücklich in der Ferne. Irgendwie, irgendwo. Egal es wird schon klappen, hoff ich, und wenn nicht, dann eben nicht. Wie sagen sie so schön?

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“

Ich will gewinnen, also wage ich.

In Liebe die Naivität in Person (auch Jasmin genannt) <3

 

 Orientierungslos nach dem Studium
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4 Comments

  • Reply
    Marina
    12. November 2014 at 11:30

    Oh wow, jemand spricht mir aus der Seele!
    Darf ich vorstellen 21/W/ Dauerfernweh
    Jetzt hab ich eine Inspiration!

    • Reply
      Jasmin
      12. November 2014 at 12:04

      Haha ja immerhin sind wir nicht alleine!
      Dauerfernweh ist wirklich keine angenehme Sache, wir sollten alle mal ein bisschen mehr auf den Peter Pan in uns hören.
      Liebste Grüße
      24/W/Dauerfernweh

  • Reply
    Marv
    13. Juli 2015 at 14:47

    Schöner Text! So oder so ähnlich geht es vielen von unserer Sorte denke ich…Ich selbst war vergangenes Jahr 5 Monate „für eine kurze Auszeit“ in Australien. Diese Monate haben mein Leben verändert; mich von einem Studienabsolventen mit Karriereplänen in einen planlosen Abenteurer verwandelt. In einem Jahr werde ich wahrscheinlich genügend Geld zusammenhaben, meinen Job kündigen und mich wieder aufmachen, in die große kleine Welt ;p vielleicht finden wir ja alle irgendwann unsere „Bestimmung“. Viel Glück euch dabei und danke für den inspirierenden Text Jasmin. Schön zu wissen, dass man nicht alleine ist mit dieser inneren Unruhe.

    • Reply
      Jasmin
      17. Juli 2015 at 16:36

      Hallo Marvin! Ich freue mich darüber, dass du deinen eigenen Weg gehst, frei von den Vorschriften der Gesellschaft. Sicherlich mag es viele Menschen geben, deren Karriere sie vollends erfüllt, aber für uns „planlose Abenteurer“ muss die Bestimmung eben erst gesucht werden. Wie sagt man so schön „der Weg ist das Ziel“, drum denke ich können wir getrost so weiter gehen! :)
      Alles Gute für dich!

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