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DIE KINDER AUS KAMBODSCHA – Ein Leben zwischen Armut, Gewalt und blöden Touristen!

Viel gereist, viel gesehen. Viel imposantes, charmantes – viel monotones, geschmackloses. Viel Reichtum, viel Armut. Viel Freud‘- viel Trauer, Verzweiflung und Depression.

Viele arme Länder öffneten mir die Augen, ließen mich mein Leben überdenken, mich wütend werden – wütend auf mich und die Welt, in der ich lebe. Das ist der Lauf der Dinge, wenn man Länder bereist, wie ich es tue und das, so möchte ich behaupten, ist auch in Ordnung so – Nein viel eher denke ich, genau so soll es sogar sein.

„Reisen bedeutet bewusst leben, im Hier und Jetzt leben.“

Das sag‘ ich immer zu.  Die Augen zu verschließen, sich selbst das Handeln zu verbieten, das gehört garantiert nicht dazu.    

 

Eine Hommage an die geliebten Kinder aus Kambodscha:

 

Der Tourist

 
An alle zukünftigen Touristen dieser Welt:
 
 
Zu Hause so sitzen wir in unseren warmen Häusern, das Fernsehprogramm beschimpfend, surfen wir im Internet, mit unserem neuen Mac Book, auf dem gemütlichen Sofa, das wir erst neulich bei Ikea kauften. Günstig war’s, leider nur die zweite Wahl, weil die erste war zu teuer, aber die Trauer darüber, die ist kaum noch da. Regen tropft an unser Fenster. Verträumt beobachten wir die Tropfen, einer schneller als der andere, der eine größer, der eine kleiner. Was just noch freudig die Scheibe herunterläuft, im nächsten Moment bereits verschwunden. Und so wirklich dafür interessieren, das schaffen wir alle nicht, viel zu apathisch befinden wir uns in unserer Hypnose, die wir doch eigens auch noch unser aller Leben nennen.
 
So sitzen wir da in unserer guten Stube und stellen uns vor, wie es wär’, wenn wir doch Geld hätten, wenn wir doch reich wären und es das Leben doch endlich gut mit uns meinen würde.
 
Dann nämlich würden wir hier nicht depressiv in unseren Gemächern versauern und die zerplatzten Tropfen beobachten müssen, nein am Strand könnten wir liegen und mit gebräunter Haut dem Sonnenuntergang entgegen blicken. Fotos könnten wir machen, für die Daheimgebliebenen. Wenn das Geld gereicht hat, sogar vor fremden Kulturen, fremden Gebäuden, vor so etwas wie Tempelanlagen oder gleich noch mit großen, gefährlichen Löwen, die wir uns mutig getrauen würde anzufassen, ja sogar zu umarmen.
 
Likes würden wir ernten. Der Star würden wir werden. Einmal, oh einmal wären wir diejenigen, auf die sie neidisch aufblicken würden. Ach, welch’ schöne Welt!
Aber Nein, wir müssen auf unserem Sofa sitzen, müde und apathisch dem Regen entgegen blicken, die grauen Wolken müssen wir ertragen, den Chef, den Kontostand, das blöde Gerede von ahnungslosen Menschen dulden, nein gar akzeptieren müssen wir es.
 
Schluss damit, wir armen Geschöpfe!
Für Größeres bestimmt sind wir, das wissen wir, denn wir waren immer anders als die anderen. Viel mehr gedacht haben wir, viel mehr hinterfragt und philosophisch den Sinn des Lebens erklärt. Hinterherlaufen, das war nie etwas für uns und kam auch nie in Frage.
Von nun an, werden wir nicht mehr der sein, der wir einmal waren oder viel besser, der wir geworden sind, also doch zurück zu dem, der wir einmal waren. Entschuldige, die Gefühle überschlagen sich.
Vorbei die Zeiten des Trübsal blasens, aktiv möchten wir werden, los werden wir ziehen. Geschwind. Sehr bald.
 
Aber Geld muss her. Ganz viel. Ganz schnell.
Rauchen werden wir streichen müssen, das wird jedoch nicht reichen. Verkaufen müssen wir etwas, wie wäre es mit dem Fernseher, dem Mac Book oder wieso nicht gleich dem Auto. Hach, das wird super, ganz energisch fühlen wir uns, wenn wir nur daran denken, wie wir davon ziehen werden und all das hinter uns lassen. Diese schrecklichen zerplatzten Tropfen, die wir unser Leben nennen.
 
Nun sind wir hier. Endlich angekommen. So halb zumindest. Aber schlimm ist’s. Nichts so wie erhofft. Nichts so wie gedacht. Die ersten Tage, die war’n schön. Am Strand haben wir gelegen, einen ernstzunehmenden Teint haben wir uns erarbeitet. Stolz waren wir. Haben schon längst Fotos nach Hause geschickt, mit unserem Smartphone und siehe da, wir haben tatsächlich die gewünschten Likes erblickt. Haben wahrhaftig gesagt bekommen, wie gut wir’s doch hätten und den Neid den konnten wir spüren. Gut fühlte es sich an, endlich da zu sein, wo wir uns stets gewünscht hatten zu sein.
 
In die Tempel sind wir gegangen. Haben mit Mönchen geredet. Haben seltsames Essen gegessen. Haben die atemberaubendsten Landschaften gesehen. Sind mit dem Motorrad gefahren. Tuc Tuc. Roller. Zu zweit, zu dritt, ja selbst zu viert! Haben Touristen getroffen und uns mit ihnen besoffen. Haben Touren gemacht, überall hin, wo man eben so muss.
War alles schön. Wirklich. Möchten nicht undankbar wirken.
 

Aber dann, dann war da dieser eine Tag. Und von diesem werde ich nun erzählen:

 
In dem Versuch mich vor den heißen Sonnenstrahlen Kambodschas zu schützen, lehnte ich mich an eine der Säulen des Tempels und ruhte mich für eine Weile im Schatten der Säule aus. Während ich den Moment der angenehmen erfrischenden Kühle des kalten Steins an meinem Rücken genoss, ließ ich die letzten Tage Revue passieren… In Phnom Penh war es schön gewesen, sehr schön sogar, aber da war diese Frau, die ich nicht vergessen konnte. Penetrant hat sie mich nach Geld gefragt, sie war die 15. an diesem Tag. Ich bin genervt gewesen, schließlich war es heiß und ich erschöpft und ging also weiter. Doch dann bekam ich ein schreckliches Gewissen, blieb stehen, drehte um, und habe ihr mein Mittagessen gegeben. Als ich mich nachdem ein weiteres Mal zu ihr umgesehen habe, habe ich eine Frau sehen können, welche ganz anders drein sah. Über glücklich hat sie ihre Kinder beisammen gerufen und ihnen freudestrahlend gezeigt, was sie soeben für sie erobert hatte. Als sie mich erblickte, hat sie mir energisch zu gewunken und mir mehrere Male aufmerksam gedankt.
 
An der nächsten Ecke, ist ein Junge auf mich zu gekommen, hat erzählt, dass es sein Geburtstag sei und dass er kein Geld für etwas zum Essen hätte, weil er all sein Geld für die Schule sparen müsse. Daraufhin hat er sich in der nächsten Bäckerei etwas aussuchen dürfen und wurde das zufriedenste Kind, welches ich in meinem Leben je gesehen habe. Eine Ecke weiter haben zwei 7-jährige versucht mir Armbänder zu verkaufen. Fünf Minuten später haben sie mit am Tisch gesessen und gierig, als gebe es kein Morgen, ihr Lieblingsessen gegessen.
 
Eine Woche war ich in Battambang gewesen. Da war dieses süße 5-jährige Mädchen, das für Touristen trainiert worden war, wie ein Model zu posen, um Essen zu bekommen, welches sie allerdings nicht  hat anrühren dürfen. Bildhübsch war sie gewesen. Ihr kleiner Bruder, hat das nicht gekonnt, das mit dem Posen, er war von oben bis unten voll von blauen Flecken gewesen, bei denen ganz klar war, woher sie stammten. Gegessen haben sie beide nicht. Haben es lieber „für später“ behalten wollen..
 
Ein kleiner Junge holte mich aus meinen Gedanken zurück. Verängstigt saß er mir gegenüber und schaute mich hinter eine der Säulen aus mit großen, ängstlichen Augen an. Magere Ärmchen und Beinchen schauten aus seiner überaus dreckigen Kleidung hervor. Er musste mich schon eine Weile beobachtet haben. Schlimm sah er aus. Traurig und einsam saß er da und beobachtete mich. Mit den Tränen kämpfend ging ich zu ihm herüber. Mit mir reden wollte er nicht, viel zu groß war seine Angst. Verständlich. 10 Minuten später sah ich sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreiten. Mit größter Freude aß er das Essen, welches ich ihm soeben gegeben hatte und sah aus als hätte er nie etwas Besseres bekommen. Bananen. Vollkommen simple Bananen.
„Thank you“, sagte er mit leiser, schüchterner Stimme.
 
Immer wieder begegnen mir Touristen. Viele Reiche. Wenn nicht gar alle reich sind, so wie ich es bin und mein Nachbar und mein Postbote und der Hausmeister. Eigentlich sind wir doch alle reich.  
Aber eines haben sie auf Reisen alle gemeinsam, die Ignoranz. Gespart haben sie für ihren Trip. Aufs Rauchen verzichtet. Lange Zeit. Schlimm war’s. Sie können ja nicht allen helfen. Tun damit ja keinem einen Gefallen. Können ja schließlich nicht ihr Geld an all diese Kinder ausgeben.
 
Nein. Das könnt ihr wahrhaftig nicht. Zumindest erwarte ich das nicht. Wer wär‘ ich auch, wenn ich das täte? Aber eines, das könnt ihr, und das nennt sich teilen!
Teilt als seien es eure Kinder. Eure Kinder, die euch mit traurigen Äuglein und blau geschlagener Haut von der Straße herauf anblicken und sich nichts weiter wünschen, als dass ihr ihnen ein wenig Hoffnung schenkt.
Du. Ich. Wir alle. Sind potenzielle Helfer.
Wenn ihr also wirkliche Stars werden wollt, dann vergesst eure Likes für Sonnenuntergänge, vergesst die Bilder mit den von Drogen zu gedröhnten Löwen oder eurem erarbeitetem Teint, für den ihr wochenlang die größte Langeweile am Strand ertragen musstet (ich weiß, schlimm wars).
 
Schaut nicht weg, sondern nutzt die Chance vor Ort zu sein und helft wo ihr könnt! Diese Kinder haben sich ihr Leben nicht ausgesucht, sie würden wahrscheinlich viel lieber mit Freunden spielen anstatt sich Essen oder Schulgeld erbetteln zu müssen. Ja, vielleicht werden sie von ihren Eltern geschickt. Ja, ihr ändert mit eurer Gabe rein gar nichts an dem System. Aber ihr ändert mit eurer Ignoranz mit Sicherheit viel weniger und vor allem lasst ihr ein unglückliches und hungriges Kind zurück.
 
Schenkt Stifte, Schreibblöcke, Spielzeug, Geld oder einfach nur simples Essen, manchmal reichen auch einfach nur schlichte Bananen. Wenn ihr darüber hinaus wirklich etwas verändern und erreichen wollt, helft bei Organisationen vor Ort, helft in der Schule, helft den Familien, es gibt immer Möglichkeiten etwas zu tun, aber schaut nicht weg.
 
Das ist es, was eure Reise zu etwas Einzigartigem macht!
Kein Bungee Jumping, keine Wüsten Quad Safari, kein Tauchen mit dem weißen Hai (das sowieso nicht), kein Saufabend, keine Dschungeltour, kein Strand der Welt, es sind genau diese Erlebnisse mit Einheimischen, die euren Trip zu etwas Unvergesslichem werden lassen…
 
 
In Liebe
Der Tourist, der keiner ist.
 
P.S. Natürlich sind Strände trotzdem toll, Ignoranz nun eben nicht. P.S. 2 Tauchen mit dem weißen Hai oder Knuddeln mit Löwen, die angeblich zahm sind, ist aber wirklich blöd. Over and out.

 
 
 
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copyright Jasmin Böhm

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6 Comments

  • Reply
    Rabea Rayowag
    25. Mai 2014 at 11:29

    WOW, super Post. Wir „Touristen“ sind eigentlich so undankbar für das was wir haben. Ich finde es super, dass du über solche Sachen schreibst.

    xoxo Rabea
    http://www.maedchendenken.blogspot.de/

    • Reply
      Jasmin
      15. Juli 2014 at 13:33

      Liebe Rabea,

      vielen Dank für dein Feedback!
      Freut mich, dass dir das Thema ebenso wichtig erscheint.

      Liebe Grüße
      Jasmin

  • Reply
    Sabine S.
    25. Mai 2014 at 11:36

    Im einleitenden Text spiegelt sich wie ich finde das Kernproblem unserer Gesellschaft wieder: Die ständige Unzufriedenheit, der starre Fokus auf das Geld und der Hang zu materiellen Gütern. Mein Lieblingsprof sagte vor Kurzem: „In der Wirtschaft ist es kalt geworden. Im Grunde genommen in der ganzen Gesellschaft.“ Fakt ist, niemand ist frei davon, einen Hang zu materiellen Gütern zu haben und sich schöne Dinge leisten zu können. Zumindest wenige sind das – denn wenn man allem Materiellen und Weltlichem entsagt dürfte ich in Konsequenz nicht nach meinem Studium in der freien Wirtschaft arbeiten und würde somit eher anderen zu Last fallen.

    Genauso wenig kann man immer alles richtig machen, nur Bio, nur Fair Trade kaufen. Du hast die Ignoranz angesprochen und das ist hierbei doch der Punkt: Ich muss nicht allem entsagen, mich jeden Tag in Leinen hüllen und von dem was in meinem Garten wächst ernähren – aber ich muss mir bewusst machen, was mein Handeln für Konsequenzen hat. Wer leidet, wenn ich billige Kleidung aus Bangladesch kaufe? Wie geht es den Tieren, deren Fleisch ich gekauft habe? Wie sind die Arbeitsbedingungen auf den Bananenplantagen, der Billig-Bananen die ich gerade beim Discounter erworben habe? Wir sollten vielmehr unser Bewusstsein schärfen für alles und achtsamer leben.

    Der Text über den Tag mit den Kindern hat mich sehr berührt – ich persönlich muss jedoch auch sagen, dass für mich ein Urlaub mit Strand & Palmen zwecks am Strand liegen nicht in Frage käme, ich würde mich eher dafür interessieren eine Zeit lang an einem Projekt mitzuwirken, wie z.B. in Gansbaai zum Schutz des weißen Haies – nicht als Tourist im Käfig, das finde ich genauso schwachsinnig wie du!

    Abschließend vielen Dank für einen so schönen Text!

    Liebe Grüße,
    Sabine von Zuckermischwerk

    • Reply
      Jasmin
      15. Juli 2014 at 13:40

      Liebe Sabine,

      vielen, vielen Dank deine Meinung mit uns zu teilen!
      Ich kann deine Einstellung durchaus nachvollziehen und finde es wie du auch sagtest sehr wichtig mit offenen Augen und bei vollem Bewusstsein durch die Welt zu ziehen. Es gibt kein „richtig“ und kein „falsch“, aber ein angestrebtes Miteinander und altruistisches Handeln würde einiges einfacher machen!

      Das Projekt in Gansbaai ist wirklich eine gute Idee!

      Liebste Grüße und vielen Dank,
      Jasmin

  • Reply
    Patrick Glueckler
    26. Mai 2014 at 16:08

    Hallo Jasmin,
    vielen Dank für diesen Bericht. Auch wenn sich insbesondere Urlauber der westlichen Welt damit anfreunden können und sehr schnell genervt von den Kindern sind, sollten Sie dabei nicht vergessen, dass ein Großteil der Kinder Ihren Familien und nicht zuletzt sich selbst ein unverzichtbares Einkommen dazu verdienen. Gerade in Kambodscha, wo Sie für Ihre Schule und oftmals für gesundheitliche Behandlungen bezahlen müssen.
    Das ist in unserer Welt schwer vorstellbar und ich bin mir sicher, dass auch diese Kinder lieber ein unbeschwertes Kinderleben führen würden. Da das derzeit aufgrund der wirtschafltlichen Lage nicht möglich ist, geht es darum Sie bestmöglich zu unterstützen und Ihnen das Leben nicht noch schwerer zu machen. Und wie alle anderen Menschen haben Sie Höflichkeit und Freundlichkeit verdient, das ist auch bei einem Nein möglich.

    • Reply
      Jasmin
      15. Juli 2014 at 13:44

      Hallo Patrick,

      vielen Dank für deinen Kommentar!
      Es freut mich, dass du nochmals angesprochen hast, dass diese Kinder bestimmt etwas Besseres mit ihrer Kindheit anzufangen wüssten, dieses erbettelte Geld allerdings unverzichtbar für ihre Familien und ihre eigene Bildung ist. Das wird leider viel zu oft vergessen.

      Liebe Grüße
      Jasmin

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