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MEIN ERSTES MAL

Ich glaube so in der 7. Klasse fing das an. Vielleicht auch etwas früher. Zumindest nachdem meine Phase mit den Barbies und dem Gummitwist offiziell beendet war. Die des Verstecken spielen und des auf die Bäume klettern ist es ja irgendwie bis heute nicht. Aber das ist auch gut so. Das mit der Vorfreude hielt sich viele Jahre. Je älter ich wurde, desto mehr Menschen aus meiner Umgebung hatten es schon hinter sich. Voller Neid hörte ich mir sehnsüchtig ihre Geschichten an, mit der Gewissheit auch bald von den meinen erzählen zu können. Doch je näher der Augenblick rückte, desto größer wurden Nervosität und Angst. Die Nächte wurden kürzer, das Herz schlug schneller. Dann war es so weit. Der Tag der Tage, der voll Sehnsucht erwartete, er war gekommen, mich abzuholen, um meinen jahrelang ersehnten Traum endlich in Erfüllung zu bringen. Es war der Tag meiner Abreise. Ich war 19 Jahre alt und hatte ein Jahr voll wilder Abenteuer und intensiven Erlebnissen rund um den Globus vor mir. Das wusste ich zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht, geplant waren ja eigentlich nur 6 Monate im fernen Australien. Aber dass das mit dem Planen nicht so klug ist und überhaupt niemals etwas so sein wird, wie man es sich einst überlegt hatte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Der Gang ins Bad, nochmal kurz alleine sein, kurz von der Nervosität der anderen abschalten. Der letzte Blick in den Spiegel,  bevor ich das Haus verlassen und die Türe zum letzten mal zumachen würde, mit der Gewissheit dieses Kapitel meines Lebens für immer zu schließen. Meine Hände schwitzten, mein Herz pochte wie wild im Takt der hektischen Schritte meiner Mutter, die panisch im Wohnzimmer auf und ab schritt. Mein Hals schnürte sich fest zu, während ich zwanghaft versuchte meine Entscheidung nicht zu bereuen.

Warum hält mich denn keiner auf? Wem versuche ich hier etwas zu beweisen? Kann ich nicht doch einfach daheim bei Mama bleiben?

Tränen schossen in meine Augen, denn meine Antwort stand natürlich schon längst fest..

Nein, daheim bleiben, das kannst du nicht“!

Lust hatte ich, das war nicht die Frage, Grund meiner Angst war nur eines, die Einsamkeit, die mich plagte. Schnell zusammen reißen, Mut zusammen nehmen und bloß nicht nachdenken. Rucksack auf und ab in das Abenteuer deiner Träume. Es ist an der Zeit, es ist deine Entscheidung, dein Schicksal, dein Leben. Tonnenweise Tränen flossen von meinen liebsten Freunden. Angsterfüllte, wehmütige, verweinte Augen meiner Eltern. Ein letztes Adieu, ein letzter Kuss, letzter Blick. Dann lag es an mir das Nest hinter mir zu lassen und meine eigenen Wege zu gehen. War der erste Schritt erstmal getan, wurde alles ganz einfach. Sicherheitskontrolle, Gate suchen, Essen, Filme schauen, schlafen, essen, schlafen, Rucksack suchen, Ausgang wo war der Ausgang, geschafft. Zwischenstop Saigon, check! Hotel, Hotel, wie komm ich zum Hotel? Taxi! Welches Taxi? Taxi Nummer 1 nahm mich mit, viel zu teuer, ich protestierte, er fuhr zurück, schmiss mich raus. Wieder bei Null, wieder am Start. Hatte mir meine Mutter nicht berichtet wie teuer ein Taxi sein sollte, wo war mein Handy, ich musste sie fragen. Mist, ich bin im Ausland, total vergessen, das wäre viel zu teuer und überhaupt genau darum ging es doch bei dem Ganzen, um das alleine sein! Alleine organisieren, alleine kämpfen, alleine überleben! Gut Handy wieder eingepackt. Ich musste das alleine schaffen. Taxi Nummer 2 mit drei Engländerinnen geteilt, die erklärten mir auch gleich auf welche Taxis Verlass war und welche mich nur meines Geldes berauben möchten. Zumindest war es das, was ich verstand und verstehen konnte ich so gut wie nichts. Sprechen wollte ich erst recht nicht. Dieses Englisch, ohje ich hatte mir darüber nie Gedanken gemacht, wo doch mein Plan nur vorsah endlich auf Reise zu gehen. Wie naiv von mir. Also schwieg ich. Ließ mich an meinem Hotel raus schmeißen und mich nach 10 Minuten vergeblichen Wartens an der Hand eines lieben Vietnamesen über die voll befahrene Straße in mein Hotel führen. Da saß ich nun auf meinem Bett, erschöpft, verwirrt und einsam. Warum ist das Leben alleine nur so verdammt schwer und anstrengend? Facebook wo warst du nur? Lässt du meine Generation sich doch nie alleine fühlen, du treuer Freund. Schenktest du uns doch gleich mehrere hundert Freunde, mit denen wir so gerne unser täglich Leben teilen. Aber nein, nicht am Ende der Welt, nicht am ersten Tag, nicht am Anfang meines Lebenstraums. Nein, der Plan sah eine Trennung von Facebook und mir vor und wenn ich doch sonst schon kaum Pläne schmiedete, so wollte ich doch wenigstens diesen einen versuchen zu behalten. Stadttour, Essenssuche, auf Touristenabzocken reinfallen, vor der Sonne fliehen, vor Verkäufern fliehen, vor Motorrollern fliehen, vor Menschen fliehen, vorm Leben fliehen, früh ins Bett gehen da viel zu viel Angst alleine im Dunklen rauszugehen, Freunde vermissen, einsam fühlen, Reisen nicht so toll finden aber viel zu erschöpft sein um darüber großartig nachzudenken, Flug nach Sydney antreten, Filme schauen, schlafen, essen, schlafen, essen, die große Stadt bei der Landung fasziniert bestaunen, Taxi nehmen, Englisch hassen, in ein Hostel einchecken, ins Bett fallen lassen, ANKOMMEN. Das Zimmer war leer, überall lagen Rucksäcke neben den zehn Betten meines Zimmers verteilt, das Hostel war rießig und voll von jungen Menschen. Ich war glücklich, hatte ich doch in der Nacht in Saigon mit keiner Menschenseele sprechen können. Voller Aufregung lag ich in meinem Bett und lauschte mit einem Lächeln im Gesicht dem Tumult und Gelächter auf dem Gang. Ich war nach vier Tagen endlich angekommen. Mein Traum war tatsächlich in Erfüllung gegangen. Endlich Australien. Endlich Reisen. Endlich frei sein. Doch mein Lächeln verschwand sobald sich die eine Frage langsam in meinem Kopf verbreitete..

„Und nun? Was passiert jetzt? Was machst du heute? Was machst du morgen und überhaupt die nächsten sechs Monate?“..

Noch konnte ich nicht erahnen, schon bald das komplette Outback zu durchqueren, mich Hals über Kopf zu verlieben, Surfen zu erlernen, sämtliche Jobs zu bekommen, ganz Neu Seeland mit meinem Freund in unserem neuem Van zu erleben, Erdbeben, Eisgletscher, Buschfeuer, Vulkane, großartige Menschen in Südostasien kennen zu lernen..und und und..das Leben hielt einige großartige Abenteuer für mich bereit, die nur zu entdecken galten. Mein Leben lang werde ich froh sein, gegen meine Angst angekämpft zu haben und an jenem Tag alleine diesen Flug angetreten zu sein. Aufregung, Zweifel, und Ängste gehören noch heute vor jeder Abreise für mich fest dazu. Doch die Erinnerungen an mein erstes Mal sind noch heute, vier Jahre später, so intensiv als wäre es erst gestern gewesen. Reisen prägt. Es lässt dich wachsen und gleichzeitig erlaubt es dir Kind zu bleiben. Zumindest wenn das das Gegenteil vom Erwachsen sein ist und ich spreche hier von einem Erwachsensein wie es in unserer Gesellschaft existiert und wie ich es zutiefst verabscheue… ich kleiner, naiver Peter Pan. Verschiebe es nicht auf morgen. Das mit dem Reisen. Je früher desto besser. Meiner Meinung nach.

In Liebe euer Peter Pan.

 
 
 
 
 
 
 
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copyright Jasmin Böhm

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4 Comments

  • Reply
    jessie fröde
    5. Mai 2014 at 6:24

    spricht mir ja ein wenig aus der seele :)
    und ein wenig erkenne ich mich selbst wieder. hihi.

    lg jessie

    http://www.freaktvtravels.com

    • Reply
      Jasmin
      15. Juli 2014 at 13:32

      Hi Jessie!

      Freut mich, dass du dich darin wieder finden konntest!
      Viele tolle Erfahrungen dir noch in Indien! :)

      LG Jasmin

      • Reply
        Jessie
        6. November 2014 at 15:44

        Ja die Erfahrungen hatte ich und ich vermisse das Land irgendwie.

        Verrückt. Dabei war die Zeit dort oft nicht easy! Aber so ist das im Leben!

        btw. der Blog hat sich hübsch entwickelt :)

        • Reply
          Jasmin
          6. November 2014 at 17:53

          Hey Jessie! Das geht mir wirklich genauso! Ich vermisse Indien, obwohl es so schwer und vor allem einsam war dort alleine zu Reisen, aber irgendetwas fasziniert mich einfach an Indien.
          Vielen Dank, dein neues Konzept auf bunterwegs gefällt mir auch sehr gut, freu mich auch schon auf dein Kinderbuch! :)

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